Topkapi-Palast in Istanbul - Beeindruckender Besuch im Harem

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Wir haben beschlossen, die Einladung des Sultans zum abendlichen Besuch des Harems anzunehmen. Natürlich dürfen wir dieses Etablissement nicht wie der Sultan betreten, ein Bediensteter geleitet uns zum Equipagentor und bedeutet uns, es zu durchschreiten.

Ein fremder Besucher, so auch wir, landet, wie bei einem mittelalterlichen Stadttor, zuerst bei den Bewachern. Und was wäre besser geeignet, viele schöne Frauen zu bewachen, als Personen ohne sexuelle Interessen? Hier sind es Schwarzafrikaner, was zusätzlich Fluchtversuche ziemlich schwierig machen würde. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1665 wieder aufgebaut, dient der abgeschlossene "Hof der schwarzen Eunuchen" diesen als gefängnisähnlicher Aufenthaltsort. Recht einfach sind die Räume ausgestattet, nur der Darüssaade Agasi, der "Meister der Frauen", residiert in einer abgeschlossenen Wohnung mit entsprechenden Sanitäreinrichtungen. Auch die Beaufsichtigung und die Unterichtung der zahlreich gezeugten Prinzen, welche das obere Stockwerk bevölkern, gehört zu den Aufgaben dieses Oberaufsehers.

Unter den kritischen Blicken der schwarzen Wachen gelangen wir in den "Hof der Konkubinen", der Sultansfrauen. Die wenigen von den über 2000 aus allen Teilen der Welt stammenden Frauen, welche im Bett des Sultans gelandet sind, besitzen viele Rechte und Freiheiten, sie gehören eigentlich zur Sultansfamilie, sind aber auch mehr oder weniger auf diesem Hof eingesperrt, wenn auch mit direktem Zugang zur Frischluft und zu den Gemeinschaftseinrichtungen.


Ein wachsames Auge wirft die Sultansmutter auf das Geschehen, sie residiert in eigenen Gemächern und ist Ansprechpartner und zugleich Wächter aller Haremsdamen, die Verwalterin ihrer Apartements, sie ist die wichtigste Person im Harem und auch die einzige, deren Wünsche unter Umständen auch vom Sultan erhört werden. Natürlich gibt es keinen Zugang zu ihren Privatgemächern, über den Besprechungsraum gelangen wir weiter zum "Hof der Favoritinnen".

Die Fenster der Apartements zeigen zum Innenhof hin, abgesehen von den Verzierungen der Gebäudefronten, ein gepflasterter Platz ohne Grün und sonnengeschützt, Sonnenlicht fördert ja eher einen dunklen Teint und gilt als schädlich. Allerdings schließt sich weiter links noch eine offene Terrasse mit Blick auf den Bosporus an. Keine Zeit mehr, dorthin zu gelangen, der Sultan erwartet uns im Empfangssaal....

Und da sitzt er auch schon auf seinem bebaldachinten Diwan, seine Blicke ruhen wohlgefällig auf den zu seiner Ehre eingefundenen Menschen, Musiker spielen auf, eine Wasserpfeife geht herum (Bloß nicht husten!!!) und auch sonst ist der Raum von einer zurückhaltenden Fröhlichkeit angefüllt.


Aber irgendwie wirkt der Sultan ein wenig unruhig, und wenig später bedeutet er uns mit herrischem Handzeichen, ihm in den benachbarten Salon zu folgen. Dort wartet schon ein Sekretär mit einem dicken Packen Papiere, welche sich als Vertrag herausstellt. Wir Moslems bevorzugen ja den Schwur beim Barte des Propheten, aber Ihr Christen liebt solche Papiere, bedeutet uns der Herrscher über das Osmanische Reich, so soll es denn sein, dass wir dieses Pamphlet unterzeichnen. Jetzt gleich? Diese vielen Seiten? Wir erbitten uns einen Tag Bedenkzeit, seine Miene verfinstert sich unter mühsamer Beherrschung und wortlos verschwindet er in den Gängen des Harems.

Was nun? Der Sekretär zeigt uns ein Zimmer, in welchem wir übernachten sollen. Ein Eunuch bringt etwas zu essen, nicht reichhaltig, aber ausreichend. Und er hat einen Blick für unsere anderen Bedürfnisse. Nebenan ist das Sultansbad, welches wir benutzen könnetn, aber nur ganz kurz und nicht so auffällig. Auch hier stehen unter den geschmackvollen blauen Fliesen Bedienstete bereit, füllen Kannen mit warmem Wasser, legen Handtücher bereit und bieten an, den Rücken zu schrubben.

Und auch für die drängende Blase sei gesorgt. Ein im selben Stil verziertes stilles Örtchen wartet auf seine Benutzung, wenn auch der dabei entstehende Dunst sehr schlecht abzieht. Der Sultan als Herrscher ist eben dazu berechtigt, Dunst zu erzeugen. Zurück im Zimmer lesen wir den Vertrag durch. Unterschreiben ist eigentlich keine Option. Als Hochstapler einen Kopf verkürzt werden eigentlich auch nicht. Schnell weg hier! Ein banger Blick den goldenen Gang entlang, durch den sich der Sultan mit einer seiner Frauen zurückgezogen hat, dann langsam in Richtung des Hofes der Eunuchen zurückgezogen. Keiner ist dort, wahrscheinlich sind alle im Empfangssaal oder sonstwie unaufmerksam. Niemand behelligt uns, und in wenigen Minuten haben wir den Topkapi-Palast verlassen. Ein Klingeln dringt an mein Ohr, wird lauter und fordernder, mit geübtem Handgriff stelle ich den Wecker aus und noch ganz benommen schaue ich mich im Zimmer um. Kein Sultan, kein Palast, nur fahle Dämmerung hinter den Fensterscheiben.