Hagia Sophia


Wenn der gewöhnliche Tourist die Millionenmetropole Istanbul besucht, so sollte er eine ausreichende Zeit zur Besichtigung dieses gewaltigen Bauwerks aus dem sechsten Jahrhundert n.Chr. einplanen. Das oströmische Reich war auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen, hatte große Teile des kollabierten weströmischen Pendants von den "Barbaren" zurückerobert und sah sich, durchaus nicht unberechtigt, als alleiniger Nachfolger des römischen Weltreichs. Kaiser Justinian war der Übeltäter, der, um diesem Anspruch gerecht zu werden, seiner Hauptstadt Konstantinopel ein gewaltiges Bauprogramm vepasste, zu welchem unter andrem die neue Reichskirche, die Hagia Sophia, gehörte, eingeweiht im Jahr 537. Für die damalige Zeit ein riesiger Bau mit einer Kuppelhöhe von 56 Metern und einem Durchmesser von 31 Metern, mit einem in den Fußboden eingelassenen, marmornenen "Nabel der Welt". So treten wir doch einmal ein! Ob standesgemäß oder nicht, es sollte durch das Kaiserportal erfolgen, zwei riesige Türflügel, eingefasst von einem schwarz-elegantem Rahmen aus Bronze. Ob der Kaiser da auch auf einem Pferd hineingeritten ist, ist nicht überliefert, aber möglich wäre es schon gewesen. Das durch Restauratoren freigelegte Bild über dem Tor ist allerdings nicht aus der Entstehungszeit, es zeigt Kaiser Leo VI, den Weisen, zusammen mit Jesus, er regierte von 886 bis 912. Überhaupt finden sich erstaunlich viele bildliche Darstellungen von Kaisern, ihren Frauen, zumeist zusammen mit Heiligen. Es ist den (muslimischen) Restauratoren recht gut gelungen, ein ausgewogenes Verhältnis von wieder freigelegten christlichen, bildlichen Darstellungen zu den Mustern aus osmanischer Zeit zu schaffen, mit denen alles nach der Eroberung Konstantinopels übermalt wurde. So steht man staunend unter der Kuppel und betrachtet die in den Nischen freigelegten Bilder von der Mutter Gottes mit Jesus auf dem Schoß sowie die Seraphine, die feurigen, sechsflügeligen Engel an einigen der Pfeiler. Um dann an der angrenzenden Säule oder Nische die Gestaltung mit Mustern nach moslemischen Prinzipien wiederzufinden. Harmonische Koexistenz zweier Religionen, möglich gemacht durch die Umwidmung in ein Museum unter Atatürk im Jahr 1934. Als Sultan Mehmed II im Jahr 1453 mit seinem Heer vor den Toren Konstantinopels auftauchte, da bot er eine friedliche Übergabe der Stadt mit freiem Geleit für ihre Bewohner an. Der letzte Kaiser, Konstantin XI, lehnte ab, und die Stadt wurde bei der Eroberung weitgehend zerstört, nur die Kathedrale blieb erhalten. Es ist überliefert, dass der Sultan am Tag darauf auf die Kuppel gestiegen sei und seinen Blick voller Bedauern über die Ruinenlandschaft schweifen ließ. Und auch, dass er einem seiner Soldaten, welcher gerade versuchte, Mosaike aus den Wänden der Hagia Sophia herauszubrechen, kurzerhand mit seinem Schwert die Hände abgetrennt hat.