Abendstimmung in Malakka


Hallo Fremder, Sie schauen hier an der Brücke über unseren Malakka-River so unentschlossen auf das in abendliche Dämmerung gehüllte chinesische Viertel der Stadt herab und Ihrem Mienenspiel sehe ich an, daß Sie sich noch nicht für die Gestaltung des Abends entschieden haben. Aber schauen Sie doch, meine Heimatstadt entfaltet bei beginnender Dunkelheit ihre ganz besonderen Reize und vielleicht kann ich Ihnen dabei ein wenig behilflich sein, diese kennenzulernen? Sehen Sie, gerade vor Ihnen beginnt die Jonker-Street, die Flaniermeile der Touristen und Einheimischen mit ihren Restaurants, ihren Vergnügungsstätten und ihrem Lichterglanz. Ach, Sie kommen gerade aus Kuala Lumpur! Ja, natürlich, mit unserer Hauptstadt kann das hier nicht mithalten, aber so ist doch alles viel überschaubarer und romantischer! Und wenn Sie mit Bewohnern der Stadt ins Gespräch kommen wollen, so geht das hier viel leichter als in einer großen Metropole! Hier haben Sie alles: Restaurants aller Stilrichtungen, sogar ein echter Italiener hat sich hier angesiedelt! Ach so, Sie wollen natürlich lieber asiatisch essen, das verstehe ich schon, darf es indisch oder chinesisch oder vietnamesisch sein? Scharf, mäßig scharf oder sehr scharf oder gar höllisch scharf? Sie haben gar keinen Hunger? Dann kann ich das Kino weiter vorne empfehlen, dort läuft gerade ein englischer Film mit malaiischen Untertiteln! Nein? Vielleicht steht Ihnen dann der Sinn nach Fußpflege oder Massagen? Oder - Sie wissen schon, was ich meine...? Nein, auch nicht? Was dann? Ein wenig herumlaufen? Da, gerade lädt die Moschee in der benachbarten Tempelstraße lautstark zum Gebet, kommen Sie mit! Nein, nicht wegen dieser Moschee, ich will Ihnen die Gotteshäuser aller hier vertretenen Religionen zeigen, kommen Sie, es sind nur wenige Meter, bis die recht schmale Straße beginnt und auch schon der Tua Pek Tao-Tempel vor Ihren Augen erscheint. Aber wir laufen ruhig weiter, es gibt davon noch ältere..... Hier rechts haben die Hindus ihr Heiligtum, den Sri Poyyatha Vinaya Moorthy-Tempel, übrigens aus dem Jahr 1781 und damit der älteste in Malaysia. Wie immer mit zungenbrecherischem Namen. Haben Sie keine Scheu und gehen Sie ruhig durch die offenen Türen hinein, bevor wir nur 100 Meter weiter zur Kampung Kling-Moschee gelangen, ein bißchen älter - aus dem Jahr 1748 - und auch nicht einfach so zugänglich. Ja, die Moslems, sie beginnen sich immer mehr abzukapseln, je mehr Petrodollars von den Wahabiten hier landen. Keine gute Entwicklung. Aber schauen Sie sich doch einmal das Dach des Gebäudes an, es kann seine hinduistischen Einflüsse nicht verleugnen und ohne das hohe Minarett würde man es für etwas ganz anderes halten. Sie sehen müde aus, sollten wir doch zur Jonker-Street zurückkehren? Aber ein Kleinod möchte ich Ihnen noch zeigen, den buddhistischen Cheng Hoon Teng-Tempel, den Grüne Wolken-Tempel, das älteste Gotteshaus in Malaysia überhaupt, fertiggestellt im Jahr 1673, gewidmet Kwan Yin, der Göttin des Mitgefühls und des Dankes, einer Göttin für alle drei Doktrinen, den Taoismus, den Konfuzianismus und den chinesischen Buddhismus. Es soll sogar unsere beliebteste Göttin sein. Leider ist hier alles schon geschlossen, aber wenn Sie möchten, kehren Sie morgen einfach hierhin zurück. Und nun kommen Sie auf ein Glas Wein zur Jonker-Street, die drei weiteren Tempel neueren Datums sind nicht mehr so interessant.