Prozession in Bethlehem

Bethlehem: Die Stadt voller Gegensätze, zu etwa der Hälfte begrenzt von einer Mauer, an deren Höhe die alten Experten auf diesem Gebiet Walter U. und Erich H. nicht einmal in ihren kühnsten Träumen gedacht haben dürften. Und trotzdem voller urbanem Leben, einer reizvollen zum größten Teil restaurierten orientalischen Altstadt mit ihren engen Gassen, durch welche sich die einen oder anderen hochmodernen westlichen Automobile zwängen. Ja, und dann ist da noch die Kirche, dort erbaut, wo der Überlieferung nach die Geburt von Jesus Christus erfolgt sein sollte. Aber es ist wie mit der Grabeskirche in Jerusalem: Nähert man sich über die Children-Street aus Richtung Westen dem großzügigen vorgelagerten Platz vor ihrem Eingang, so fallen dem Ortsunkundigen nur von den Spuren der Zeiten gezeichnete, aber nichtdestotrotz stabile hohe Mauern ins Auge. Dort soll sich eine Kirche befinden? Nun, treten wir doch einmal etwas näher heran! Und da, plötzlich entsteigen da aus der Tiefe des Mauerwerks Männer, welche gleich einem Mantra ein religiöses Symbol vor sich hertragen. Ja richtig, es ist der Marienmonat Mai, an dem hier täglich solche Prozessionen stattfinden. Ersparen wir uns die umfangreiche Geschichtsschreibung, nach sich der in der Umgebung unzählige Ziele von solchen Veranstaltungen befinden und treten ein in die Kirche. Aber Vorsicht! Kopf einziehen! Und das, obwohl der ursprüngliche Torbogen noch gut erkennbar ist?! Was wie ein Schildbürgerstreich anmutet, sollte das Eindringen von persischen Reitern und die Entweihung der Kirche als Pferdestall verhindern. Und dann sind wir eingetreten: Zweitausendjährige Geschichte auf orthodoxe Art, trotz hellen Tages Dämmerlicht, von Weihrauch ausgefüllte mit Reliquien, Konzilien und anderen Kunstwerken ausgestattete Räume voller zumeist orthodoxer Gläubiger, welche auch langes Schlangestehen vor dem Eingang der eigentlichen Geburtsgrotte nicht scheuen. Und mich beschleicht irgendwie trotz meines fehlenden oder zumindest nicht in ein vorgefertigtes Korsett pressbaren Glaubens ein feierliches Gefühl......