Jökulsárlón - eine Geschichte von Bild zu Bild - in sechs Bildern



Jahrtausende hat das Eis gebraucht, um sich durch Druck und Schwerkraft vom bis zu 1000 Metern dicken und mit einer Fläche von 8456 qkm größten Gletscher Europas, dem Vatnajökull, der Küste des eisigen Nordatlantiks zu nähern und dabei Sand und Geröll aus den über 2000 Metern hoch gelegenen Bergmassiven aufzusammeln. Da, plötzlich leckt kaltes Wasser von unten am Eis und unterhöhlt es, Risse bilden sich, werden größer, bis ein ganzer Block davon mit Getöse abbricht und im Wasser versinkt. Nein, er versinkt nicht ganz, wie bei einem Krokodil die Augen und der Rücken, so ragt ein mehr oder weniger bizarr geformter und mit der Zeit von der Sonne angeleckter Teil aus dem Wasser.

Genauso schnell ist die Phase der geradezu dramatischen Aktivität wieder vorbei und still liegen die Eisberge im Wasser. Ganz still? Nein, jeder von ihnen bringt Nachschub an Eis und Wasser in die bis zu 248 Meter tiefe Gletscherflußlagune, wie der Jökulsárlón übersetzt heißt, und so nähern sich die bizarren Gebilde ganz langsam und unmerklich dem einzigen Ausgang des Sees.

Da geht die Sonne, welche bislang ein wenig an der kalten Pracht geleckt hat, über den Ausläufern des Breidamerkurfjall unter und läßt uns noch einige Augenblicke in Betrachtung der faszinierenden Farbenspiele verweilen. Oh, Augenblick, verweile doch, du bist so schön!


Nur etwa 500 Meter lang ist der Fluß hinaus in den Atlantik, die Jökulsá á Breiðamerkursandi, welche von einer in den Jahren 1966/67 für die Ringstraße errichteten Brücke überquert wird, deren filigran wirkende Konstruktion sich eindrucksvoll vom Abendhimmel abhebt. Vorher gab es hier nur eine Fähre. Wenn die zu etwa 90% unter Wasser liegenden Eisberge genügend abgeschmolzen sind, machen sie sich auf den anfangs noch recht gemütlichen Weg durch die kurze Passage hin zum Ozean. Später entsteht Wellenschlag, welcher stärker und stärker wird,

bis sich das gefrorene Wasser unversehens im eiskalten Meer wiederfindet und je nach Strömungs- und Windrichtung an die brandungsumtoste Küste links oder rechts der Flußmündung geworfen wird. Es ist ein langsames Sterben! Hin und her geworfen wird das Eis im Todeskampf, die Brandung arbeitet sich an ihm unter Erzeugung hoher Wasserfontainen ab, bis es kleiner und kleiner wird und schließlich ganz im Ozean aufgeht. Irgendwann werden seine flüssigen Reste wieder verdunsten und den Kreislauf des Wassers neu beginnen.

Platsch! Eine Superwelle reißt mich mit ihrer nassen Überraschung aus meinen Gedanken. Schrecksekunde. Ergebnis: Wieder einmal naß geworden, trotz sonnigem und trockenem Tag. Typisch Island eben!