Anarak


Was mag die Menschen wohl bewogen haben, hier in der trockenen Einöde der Großen Kafirwüste ihre Lehmhütten zu errichten? Hier am Rande der Provinz Isfahan, in etwa 1400 Meter Höhe über N.N. und etwa 75 Kilometer von Nain, der nächsten größeren Ortschaft? Die Entfernung liefert einen ersten Hinweis: Unter der sengenden Wüstensonne schafften die Kamele der durch Persien ziehenden Handelskarawanen etwa 35 bis 40 Kilometer am Tag, unter Wassermangel und bei der Rast unter dem Sternenhimmel der kalten Wüstennächte gerne von Banditen und Räubern ausgeplündert. So wurde unter den hier vom 16. bis ins 18.Jhdt herrschenden Safawiden, ein Netz von die Seidenstraße und ihre Ableitungen sichernden Karawansereien geschaffen. Und dieser Punkt hier war besonders wichtig: Er sicherte in Randlage zur schlecht kontrollierbaren Wüste den Abzweig zu den weiter südlich gelegenen Städte Kashan, Nain und auch Isfahan gegen die Gefahren der nördlich lebenden Turkvölker ab. Ein für die Verhältnisse ziemlich idealer Platz: Wasser brachten Quanate aus den umliegenden Bergen und Hügel umgeben ihn zum Bau von drei Wachtürmen, um Räuber oder andere Spitzbuben rechtzeitig an ihren Staubwolken zu erkennen und einen Meldereiter in Richtung Süden zu schicken. Aber der Leidensdruck muß Ende des 18.Jhdt ins Unermeßliche gestiegen sein: Ein gewisser Hossein Kashi machte mit seinen Banditen die Gegend so unsicher, daß zwischen den drei Wachtürmen sogar noch eine Stadtmauer errichtet wurde. Davon ist nur noch etwas zu erahnen, ohne Pflege zerfallen Lehmbauten recht schnell wieder, wie auch ein Teil der älteren Behausungen direkt unter dem dritten Turm hinter mir. Längst verflossen sind die Zeiten der umherziehenden Karawanen und trotzdem wohnen hier etwa 1200 Einwohner, dem (nicht im Bild) Abbau der reichhaltigen Bleivorkommen in der Nähe geschuldet. So fällt einem beim genauen Hinschauen der verhältnismäßig gute Zustand der meisten auch neueren Bauten auf und links neben dem rechten Wachturm ist die großzügig restaurierte Karawanserei zu erkennen, jetzt eine Herberge, dahinter am Stadtrand die obligatorische Moschee mit ihren von für Wüstenorte gewissem Wohlstand kündenden filigran verzierten Minaretten. Gleich wird die Sonne über den Berggipfeln im Westen untergehen und die erstaunlich kalte Wüstennacht über der Szenerie hereinbrechen. Dann mal los zur Herberge!